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#schrebergarten

Ein ganz spezieller Schrebergarten

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Ein ganz spezieller Schrebergarten | story.one

Kürzlich bin ich an einem Ort vorbeigekommen, an dem ich schon sehr lange nicht mehr war. Es ist ein sehr unspektakulärer Ort, nämlich eine Schrebergartensiedlung im 22. Bezirk. Und doch bin ich hineingegangen und habe einen ganz speziellen Garten aufgesucht. Und ja, er war immer noch da. Rudimentär gestaltet, ein wenig schäbig. Eine kleine Hütte, ein paar Sträucher, ein gemauerter Grill. So, wie ich ihn seit 25 Jahren kenne. Dieser Schrebergarten gehört der Familie eines ehemaligen Schulkollegen, genauer gesagt aus der damaligen Parallelklasse. Vermutlich gehört er jetzt ihm. Ihm, dem “Hlousl”, von dem ich lieber nur den Spitznamen nenne. Ich war nur ein paar Mal dort, dreimal, wenn ich mich richtig erinnere. Und trotzdem hat sich jede einzelne Begebenheit fest eingebrannt. Betrat man diesen Garten, war das wie das Betreten einer anderen Realität, in der alles erlaubt war.Beim ersten Mal war ich etwa 16. Es war eine Schulparty - und natürlich war ich ohne große Erwartungen hingekommen. Doch da waren große Brüder, da gab es Bier und harten Alkohol. Es gab geistige Herausforderungen.Selbsternannte Verrückte, mit denen man plötzlich existentialistische Gespräche führen musste, wenn man dortbleiben wollte. Oder über Edgar Allen Poe.Ein Klassenkollege, der seine 14jährige Schwester mitgebracht hatte, verlor diese aus den Augen, nur für 15 Minuten. Danach mussten wir die Rettung rufen, weil sie es geschafft hatte, in dieser Viertelstunde eine ganze Flasche Eristoff Red auszutrinken.Ich sah dort am Rande des Grundstücks, nach den ersten Trinkrunden, männliche Jugendliche und junge Erwachsene beinahe jede Körperflüssigkeit aus fast allen Körperöffnungen vergießen.Ja, EINE war zum Glück nicht dabei.Und ja, die Hütte hatte ein Zimmer, in dem ich nie war. Ich habe dort Leute hinein und wieder hinausgehen gesehen. Man könnte jetzt behaupten, sie waren nachher nicht mehr dieselben, aber das wäre gelogen. Sie waren nur schlecht angezogen. Erhitzt. Errötet.Ich war nur dabei, war nie derjenige der sich richtig gehen lassen konnte. Ab er das letzte Mal wo ich dort war, ich war wohl Anfang 20, hat mir der Hlousl gesagt, ich sollte doch noch etwas Bier mitnehmen. Das war eingekühlt und es war zu viel da. Da kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass der durchnässte Träger gerissen ist, und ich deshalb sechs Flaschen auf dem Weg vor seinem Schrebergarten zertrümmert und nachher weggeräumt habe. Ich habe derartig nach Bier gestunken, obwohl ich doch gar keines trinke.Ja, das alles ist lange Vergangenheit, aber der Schrebergarten ist immer noch da.Auch wenn jetzt kein Feld mehr hinter dem Hang ist, auch wenn der Garten heute leer war. Selbst wenn ich keinen Kontakt zu ehemaligen Schulkollegen, ihren Schwestern und gar dem Hlousl selbst habe.Die Erinnerungen werden mir bleiben.

© Stefan Cernohuby 2021-04-08

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