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#reisen#südamerika#kaphorn

Vorbei an Kap Horn

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Vorbei an Kap Horn | story.one

Unser Schiff kämpft sich durch die raue See. Es stampft, bewegt sich auf den mächtigen Wellen auf und ab. Wegen des starken Windes hatte der Kapitän das Tempo gedrosselt, um Schäden zu vermeiden. Deshalb erreichen wir Kap Horn später als geplant.

Die Tabletten gegen Seekrankheit machen mich müde: Immer wieder fallen mir die Augen zu. Doch plötzlich bin ich hellwach: Ein lauter Knall am Bug lässt mich zusammenzucken. Ich schaue aus dem Fenster. Die Gischt spritzt meterhoch. Ein ungutes Gefühl, den Naturgewalten ausgeliefert zu sein.

Durch einen grauen Schleier erblicke ich hoch oben auf den Klippen den Leuchtturm mit angegliedertem Wohnhaus, in dem – jeweils für ein Jahr – ein Angehöriger der chilenischen Marine mit seiner Familie lebt. Welch ein Abenteuer, eine derart lange Zeit in der Abgeschiedenheit am äußersten Zipfel von Südamerika zu verbringen, wo nur ab und zu bei gutem Wetter Besucher anlanden. Ich gehe auf das Außendeck, um ein Foto zu machen. Von dort aus erkenne ich, dass sich hinter uns ein weiteres Schiff durch die aufgewühlte See kämpft. Es ist kleiner als unseres und tanzt auf den Wellen. Es scheint, als wolle es mit dem Bug ins Wasser eintauchen, doch im nächsten Moment ragt es wieder nach oben.

Kurz darauf erreichen wir endlich Kap Horn. Die See ist noch unruhiger geworden, ich muss mich am Handlauf festhalten, um zur Reling zu gehen. Ich schwanke hin und her, als hätte ich zwei Promille im Blut. Manchmal fühlt es sich an, als ob das Heck des Schiffs aus dem Wasser gehoben würde. Plötzlich traue ich mich nicht mehr, an die Reling zu treten. Habe Angst, die tobende See direkt unter mir zu sehen. Stattdessen lehne ich mich gegen ein Geländer in der Mitte des Außendecks. Das gibt mir Standfestigkeit, ich fühle mich sicher.

Dann reißen völlig unerwartet die Wolken auf und die Sonnenstrahlen fallen auf Kap Horn, an dem mit enormer Kraft die Wellen brechen. Obwohl es eine ganz gewöhnliche Landspitze auf der chilenischen Felseninsel Isla Hornos mit einem hoch emporragenden Felsen ist, ist es ein magischer Moment: Das Meer vor Kap Horn soll Schätzungen zufolge mehr als 800 Schiffen und mehr als 10.000 Menschen zum Verhängnis geworden sein. Es wurde früher von Seefahrern gefürchtet und ist immer noch einer der wildesten und stürmischsten Winkel der Erde. Wahrscheinlich ist dieser Ort deshalb so faszinierend.

Nachdem wir Kap Horn passiert haben, kündigt der Kapitän an, dass wir wenden. Niemand darf sich mehr auf dem Außendeck aufhalten, Treppen dürfen ebenfalls nicht benutzt werden, weil sich das Schiff zur Seite neigen wird. Wir suchen uns einen Sitzplatz und werden auf den Stühlen hin und her geschüttelt. Doch nach einiger Zeit ist es still. Fast schon gespenstisch. Von da an wird die Fahrt ruhiger.

© SteffiW 2021-02-21

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