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#supermarkt#konzern

Supermarktkettenkinder

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Supermarktkettenkinder | story.one

Als meine Schicht endet, versperre ich meine Kassenlade im Tresor und gehe noch einmal die GĂ€nge unseres kleinen Innenstadtsupermarkts entlang, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob alles sauber ist, alle Regale fĂŒr die Nachtkundschaft ausreichend befĂŒllt sind, und durchsuche die ZeitungsstĂ€nder, ob nicht wieder einer der Neulinge versehentlich jene Tageszeitung einsortiert hat, die so scheußlich ĂŒber unsere Supermarktkette geschrieben hat, finde aber glĂŒcklicherweise keine. Anschließend durchquere ich das kleine Lager, um zum Angestellten-Gemeinschaftsraum zu kommen. Da es nach zwanzig Uhr ist, herrscht hier schon gedĂ€mpfte Beleuchtung vor und alle Anwesenden haben ihre Stimmen bereits auf das LautstĂ€rkenniveau der Nachtruhe heruntergebrochen, um die Schlafenden nicht zu wecken, deren Schicht erst nach Mitternacht beginnt. Immerhin erwartet sich die Kundschaft in einem 24-7-Supermarkt nicht nur volle und saubere Regale, sondern auch ausgeruhtes und aufmerksames Personal.

Ich bin froh, dass meine nĂ€chste Schicht erst um die Mittagszeit beginnt. Rasch gehe ich in eine der drei Waschkabinen duschen, werfe meine Arbeitskleidung in den dafĂŒr vorgesehenen WĂ€schekorb und entnehme dem Kasten daneben eingeschweißtes, frisch gewaschenes Gewand fĂŒr den kommenden Tag. In der Mikrowelle des Pausenraumes wĂ€rme ich mir ein einfaches Fertiggericht aus unserem Sortiment, das besser ist als sein Ruf. Nach dem Essen lege ich mich in meine kleine Schlafkoje, die wir im Mitarbeiterjargon scherzhaft „Kapseln“ nennen, da sie nur wenige Quadratmeter groß sind, aber alles enthalten, was ich brauche: eine Matratze und eine Ablage fĂŒr meine kleine Auswahl an Privatkleidung. An einer Wand hĂ€ngt ein kleiner Flachbildfernseher. Das Idyll meiner Schlafkoje wird lediglich vom leeren Fleck neben dem Fernsehschirm getrĂŒbt, wo bis vor einigen Wochen noch ein gerahmter Zeitungsartikel hing, in dem ĂŒber mich als Held berichtet wurde, da ich einen nĂ€chtlichen Überfall auf unseren Supermarkt verhindert habe. Ich mochte den Artikel und das abgedruckte Foto von mir sehr gerne, aber nach der „Aufdecker“-Story ĂŒber unsere Kette war es untragbar geworden, Artikel aus besagter Zeitung innerhalb unserer AufenthaltsrĂ€ume hĂ€ngen zu lassen, sind wir doch in den Zeilen der vermeintlichen „Recherche“ als willenlose Arbeitsdrohnen bezeichnet worden, die sich von einem Großkonzern versklaven lassen.

Man muss glĂŒcklich sein, in diesen krisengebeutelten Zeiten eine feste Anstellung zu haben und wenn einem der Betrieb die lĂ€stige Wohnungssuche abnimmt, was schert mich da eine Verpflichtung, dort wohnen zu bleiben, solange ich Teil der Kette bin? Der Betrieb plant mein Freizeit- und Gesundheitsprogramm, er weiß, was gut fĂŒr mich ist. Und als ich mich in meine Decke kuschle, male ich mir aus, irgendwann in eine der großen Landfilialen versetzt zu werden, wo es dann Apartments fĂŒr die Mitarbeitenden gibt. Dann fĂ€ngt das Leben erst richtig an.

© Stephan Kaiblinger 2021-05-27

ZeitJust Fiction!

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