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#kino#jamesbond

Nach Verlassen des Kinos

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Nach Verlassen des Kinos | story.one

Ich schließe den oberen Knopf des Jackets, werfe schnell einen Blick auf meine Armbanduhr und überquere die Straße energischer, als ich eigentlich müsste. Noch immer hängt mir die Bond-Titelmelodie im Kopf, die mich nun in den nächsten Tagen nerven wird. Ich hatte einst mal den Selbstversuch gemacht und musste feststellen, dass das Anhören dieses nunmehr fast 60 Jahre alten Liedes über Kopfhörer simple Alltagssituationen weitaus spannender macht. Da wirkt der Weg zur Mülltonne mit dem gelben Sack unterm Arm wie eine Geheimmission. Und der morgendliche Eintritt ins Hauptgebäude meines Berufskollegs wie der Appell zu einem neuen Einsatz beim MI6. Ich könnte die Lehrkraft in der ersten Stunde glatt mit „Hallo, Moneypenny“ begrüßen, wäre sie nicht in Wahrheit ein Mann mit schütterem Haar und Bierbauch.

Hinter mir laufen Besucher, die über das Ende des Films nörgeln. „Heulsuse“ nennt einer den alternden und etwas sentimentalen Geheimagenten, den man in diesem Streifen zu sehen bekam. Stimmt, seine große Liebe zu verlieren, mehrfach angeschossen und gefoltert zu werden, enge Vertraute in seinen Armen sterben zu sehen und ständig irgendwelche Verrückten Bösewichte zu jagen war ja schließlich noch kein Grund, deshalb gleich Gefühle zu zeigen. Bestimmt könnte das der dickliche Rentner, aus dessen Mund die besagte Bemerkung stammte, weitaus besser. Ich sollte ihn für die Rolle vorschlagen, die ja nun frei war. Ein Rentner als Bond, auch ein interessantes Konzept. Den nächsten Film könnte man dann klangvoll „Doppelherz“ nennen, mit einem Titelsong von Andy Borg oder den Amigos. Letztere würden auch gute Bösewichte abgeben. Okay, genug gelästert. Nur für mich als alten Fan nicht kommentarlos hinnehmbar. Damals auf dem heimischen Sofa, zusammen mit dem Vater die alten Abenteuer von Sean Connery und Roger Moore angesehen. Später dann auch die neueren Filme. Selbst, wenn ich die Handlung damals nicht verstand. Irgendwas flog in die Luft, das Gute gewann am Ende und Bond, zäh wie ein altes Nokia, überlebte mit coolen Sprüchen die eigentlich tödlichsten Unfälle ohne Kratzer und perfekt gestylt. In den Armen eine schöne Frau, die meistens einen sehr zweideutigen Namen hatte. Ja, andere Zeiten. Doch trotzdem gute Filme.

Ich werfe einen erneuten Blick auf die Uhr. Die einzige Bond-Marke, die ich mir leisten kann. Den Aston Martin muss ich mir bei der Heimfahrt eben dazudenken. Auch wenn das schwerfällt, in einem alten Smart. Schade, dass ich beim Bestellen der Karten meine Punchline vergessen habe: „Zwei Karten für Bond. JAMES Bond!“. Hat der Kassierer bestimmt noch nie gehört, den Spruch. Nicht doch!

Auf der Heimfahrt kommt dann doch noch ein bisschen die Nostalgie. Die Erinnerungen, die man noch mit den alten Filmen verband. Vielleicht trinke ich am Abend doch noch einen kleinen Martini. Auf die Kindheitshelden, Roger und Sean, wo auch immer sie nun waren.

© StewartMcCole 2021-10-15

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