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#80tageumdiewelt#chios

Liebesbrief an Chios

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Liebesbrief an Chios | story.one

Geliebtes Chios, jetzt, wo ich Dich wieder verlasse, denke ich wehmĂŒtig an die erlebnisreichen Momente, die Du mir beschert hast. Eigentlich suchte ich nur etwas Erholung und Abstand zum Alltag, wollte ‘mal eine Woche Auszeit nehmen und fand dann so erstaunlich viel mehr.

Die Wanderung in ArmĂłlia hat mir meine körperlichen Grenzen aufgezeigt. Meine ungeplante Klettertour hinterließ Schrammen und HĂ€matome, doch konnte ich danach die Aussicht der Ruine genießen.

Im Malagkitios-Tal ging ich stundenlang berauscht durch die Schönheit der Natur bergab, um dann irgendwann festzustellen, dass ich alles wieder bergaufgehen mĂŒsste. Die Mittagshitze unterschĂ€tze ich ebenso wie die Steigung, doch die gemeisterte Anstrengung erfĂŒllte mich mit enormer Freude.

Ich besuchte unzĂ€hlige Klöster, obwohl schon lange aus der Kirche ausgetreten und fĂŒhlte mich dadurch Gott wieder nĂ€her. Die atemberaubende Schönheit jener ließ mich oft nur mit offenem Mund im Eingangsbereich verharren und staunen. Ich bezweifle zwar, dass diese Bauten vonnöten sind, um an eine höhere Macht zu glauben, nichtsdestotrotz ist ihr Anblick beeindruckend.

Als mich die Navigation durch eine schmale Gasse fĂŒhrte, in der ich fast steckenblieb, war ich so verzweifelt, dass ich zu weinen begann und am Körper zitterte. Mit heruntergelassenen Scheiben und angeklappten Spiegeln ließ ich das Auto zentimeterweise nach vorrollen. Ich hatte in diesem Augenblick Angst, war allein, weit und breit niemand zu sehen.

Doch ganz allein war ich dann wohl doch nicht, denn irgendetwas stand mir bei, fĂŒhrte mich durch die Angst und ließ mich eine weitere PrĂŒfung bestehen. FĂŒr einen kurzen Moment zweifelte ich an der Bereicherung von Einsamkeit. Doch nur einen kurzen Moment, denn die andere Zeit ĂŒber genoss ich die Ruhe von Gequassel, Radio oder Verkehr. Obwohl die Natur selbst nicht still ist, gibt es einen nicht zu unterschĂ€tzenden LĂ€rmpegel durch Vögel, Grillen oder stĂŒrmischen Wind. Doch komischerweise wird das von den wenigsten als unangenehm empfunden, sondern eher als eine harmonische Untermalung.

Die unterschiedlichen Landschaften zeigten mir die Vielfalt des Lebens auf. WĂ€hrend es im Westen grĂŒn war, wiesen Gegenden des Nordens eine vollkommene Kargheit auf. Die Natur hĂ€lt so viel Beeindruckendes bereit, das wir oft vergessen oder nicht mehr wahrnehmen.

In OlĂœmpoi saß ich auf einer Bank und ließ die alten Mauern des mittelalterlichen Ortes auf mich einwirken, als eine Ă€ltere Dame neben mir Platz nahm und fragte, ob ich allein reiste und sagte „It’s the best to travel alone“. Dem kann ich nur zustimmen.

Die viele Zeit mit mir allein und die Herausforderungen dort haben sehr viel in mir bewegt. Es hat mir ein verloren gegangenes Urvertrauen zurĂŒckgeschenkt, man könnte es fast Gottvertrauen nennen. DafĂŒr liebes Chios möchte ich Dir unglaublich danken! Du wirst mir dadurch immer in Erinnerung bleiben, mich ins SchwĂ€rmen geraten lassen und mit Freude erfĂŒllen.

© Sylvia Eugenie Huber 2021-01-25

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