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Schöne neue Welt

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Schöne neue Welt | story.one

Kollektivität, Identität, Stabilität lautet der Wahlspruch des utopischen Romans „Schöne neue Welt“ Aldous Huxleys aus 1932. Doch Vorsicht, denn diese Worte sind trügerisch und täuschen eine harmonische Idylle vor.

Da einst lesende Personen zu wenig konsumierten, entschloss man 150 n.F. (nach Ford) die Schließung sämtlicher Museen, die Sprengung von historischen Denkmälern und Unterdrückung aller vor jenem Stichtag veröffentlichen Bücher.

Embryonen werden in dieser Zukunft durch Maßnahmen wie Sauerstoffmangel oder Hitzekonditionierung in Kasten, also Rangordnungen, von Alphas, Betas, Gammas oder Epsilons differenziert und bekommen in den verschiedenen Altersstufen hypnopädische Slogans eingetrichtert.

„Alte Sachen werfen wir weg, lieber ausmustern als ausbessern“ oder „Sind Flicken drin, fehlt’s an Gewinn“, spielt eindeutig auf die Konsum-Konditionierung an, wovon bereits gewisse Ähnlichkeiten in unserer Gesellschaft erkennbar sind.

„Wenn beim Einzelnen Gefühle wanken, gerät das ganze Kollektiv ins Schwanken“, „War und will bringt nichts als Unbill, nehm ich ein Gramm, bin ich auf dem Damm“ oder „Lieber ein Gramm als zu Missmut verdammt“ verweisen auf die Glücksdroge SOMA, welche die Kontrolle von unerwünschten Gefühlen verhindert. In einer Zeit mit regelmäßigem Anstieg von Psychopharmaka sind wir hier ebenfalls auf einem ähnlichen Weg.

Um den Menschen vor Krankheiten zu schützen und die Jugend zu bewahren, wird deren Stoffwechsel optimiert und auch Transfusionen mit jungem Blut verabreicht. Die ewige Jugend wird speziell von prominenten Frauen vorgelebt, auch wenn das Zuführen von jungem Blut derzeit nur in Verschwörungstheorien präsent ist. Der Gedanke jedoch, dass dies bereits vor 88 Jahren erwähnt wurde, lässt mich erschaudern.

Um keine Bindungen zu einem einzelnen Menschen aufzubauen, führt man ein, dass jeder jedem gehört. Dies mag sich für manche reizvoll anhören, doch in dem Buch liest sich der Zwang auf Promiskuitivität nicht unbedingt als ein Segen.

Ja, dieser Roman zeigt eine Gesellschaft, die keinesfalls je Realität werden sollte, daher sehe ich ihn nicht als Fiktion, sondern als Mahnmal und Pflichtlektüre.

Und hier noch ein Auszug des Kapitels XVI: „Heute aber ist die Welt stabil. Die Menschen sind glücklich, sie haben alles, was sie wollen, und nie wollen sie, was sie nicht haben können. Es geht ihnen gut, sie leben in Sicherheit, sie sind niemals krank, sie fürchten den Tod nicht, sie wissen nichts von Leidenschaft, nichts vom Altern, sie werden nicht von Müttern und Vätern geplagt, sie haben keine Ehefrauen, keine Kinder, keine Lieben, denen ihre Gefühle gelten, sie sind so konditioniert, dass sie praktisch nicht anders können, als sich zu verhalten, wie sie es sollen. Und wenn irgendetwas schiefgeht, gibt es Soma.“

Glück ist nie großartig heißt es auf der Seite 252 und man findet plötzlich Unglück gar nicht so furchtbar, wie diese regulierte, schöne neue Welt.

© Sylvia Eugenie Huber 2020-11-07

Inspiration: Berühmte Buch-Film-Songtitel

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