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#bildung#kindheit#familie

10. Erinnerungen

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10. Erinnerungen | story.one

Meine Schwester und ich verbrachten unsere Kindheit im 8. Bezirk, wo wir in den Kindergarten und in die Schule gingen. Im Karwan Haus wuchsen wir mit unz├Ąhligen Kindern aus unterschiedlichsten Kulturen auf, deren aufgeweckte Gesichter mir bis heute noch klar und deutlich vor Augen sind. Nach der Schule trommelten wir immer alle zusammen, suchten Verstecke, wo wir uns Gruselgeschichten erz├Ąhlten oder spielten eifrig Fangen im Stiegenhaus. Bei einer Freundin verbrachte ich Tage mit Baucht├Ąnzen, Herumwedeln bunter T├╝cher und orientalischer Musik, bei einer anderen mit Z├Âpfen flechten und kochen traditioneller Speisen. Die Vielfalt vereinte uns, Ausgrenzung kannten wir nicht.

Gemeinsam mit meinen besten Schulfreundinnen erlebte ich die tollsten Dinge. Wir traten mit einer eigenen Choreografie beim Josefst├Ądterstra├čenfest auf und schrieben Drehb├╝cher von St├╝cken, die wir in der Klasse auff├╝hrten.

Meine Eltern hielten sich nie zur├╝ck in unsere Bildung zu investieren, sei es Englisch Tutoring, Gesang-, Tanz-, Sport-, Theater-, Gitarren- oder Klavierunterricht. Sie erm├Âglichten uns einen Einblick in allen Bereichen, die uns interessierten. Ich erinnere mich an die langen ├ťbungsstunden mit meinem Vater am Klavier des Gemeinschaftsraums, da wir selbst keines besa├čen. Und an die gro├če Freude, die ich versp├╝rte, als mir meine Lehrer ihr altes Keyboard, bei unserem Umzug in eine neue Wohnung, schenkte.

Im Pfarrhaus Breitenfeld stellte man uns eine Dreizimmer-Wohnung zur Verf├╝gung, die sich perfekt f├╝rs Verstecken spielen eignete. Endlich konnten auch unsere Freundinnen bei uns ├╝bernachten.

Trotz allem war es meinen Eltern wichtig, dass wir unsere Wurzeln nicht verga├čen. Wir erlernten die georgische Sprache und Schrift schon von fr├╝h auf. Besuchten georgische Tanzkurse und gingen in die Samstagsschule. Die uralte Kultur faszinierte mich sehr und motiviert mich bis heute ihre Spuren zu erforschen.

Ich kann ohne Zweifel sagen, dass meine Schwester und ich, obwohl der schwierigen Umst├Ąnde, eine wunderbare Kindheit hatten. Wir sind unendlich dankbar f├╝r all die Chancen und M├Âglichkeiten, die uns in Georgien vorenthalten gewesen w├Ąren. In der lebenswertesten Stadt der Welt aufzuwachsen, ist ein Privileg. Man gew├Âhnt sich an einen Lebensstil, der in anderen L├Ąndern schwer umzusetzen ist.

Das erste Mal wieder nach Georgien zu reisen, war verbunden mit Euphorie, ├ťberforderung und unvergesslichen Eindr├╝cken.

┬ę Tekusha 2021-08-14

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