skip to main content

#familie#trauer#gerechtigkeit

9. Geduld

  • 46
9. Geduld | story.one

Als Familie reichten wir den Asylantrag endlich ein. Wir waren zuversichtlich, jedoch unwissend wie viel Zeit das Verfahren eigentlich in Anspruch nehmen w√ľrde.

Wir wurden im Caritas Karwan Haus des 8. Bezirks aufgenommen, wo wir in einer kleinen Einzimmerwohnung lebten und Gemeinschaftsbad und -k√ľche, mit den MitbewohnerInnen des Stockwerks, teilten. Ein Jahr sp√§ter kam meine Schwester auf die Welt, die neue Energie in unserer Lebensituation einhauchte. Meine Eltern nahmen jede Chance und Gelegenheit wahr sich fortzubilden und zu integrieren. Meine Mutter hatte in der Schule Deutsch gelernt, weshalb es ihr nicht schwerfiel ihre Kenntnisse aufzufrischen und zu verbessern. W√§hrend sie f√ľr die Nostrifikation ihres Diploms lernte, k√ľmmerte sich mein Vater um uns.

Es folgten unz√§hlige Termine mit dem Magistrat und der Fremdenpolizei. Nach einigen Jahren erreichte uns der erste negative Bescheid, der alles ins Schwanken brachte. Meine Eltern waren am Boden zerst√∂rt, aber sie gaben nicht auf. Unser Fall gelang, mit der Hilfe eines ehrgeizigen und √ľberzeugten Rechtsanwalts, bis in die letzte Instanz. Wir hatten nun das humanit√§re Bleiberecht beantragt, um unsere Chancen zu verbessern. Es lag also in der Hand des Verfassungsgerichtshofes unser Schicksal zu entscheiden.

Das Verfahren zog sich insgesamt 11 Jahre in die L√§nge. Eine Zeit, die von Ungewissheit gepr√§gt war. Nach einem negativen Bescheid ist die Wahrscheinlichkeit einer Abschiebung gro√ü. Jeder Zeit besteht die Gefahr, dass die Polizei in die Wohnung st√ľrmt und man in Schubhaft gesteckt wird. Ihnen ist aber auch erlaubt, die Wohnung zu kontrollieren und nach etwas Verd√§chtigem zu durchsuchen. Wir wurden mit zwei solcher Durchsuchungen konfrontiert, beide Male wurde nichts Fragw√ľrdiges festgestellt. F√ľr meine Eltern war es ein verzweifelndes und ungeduldiges Warten. Sie versuchten so gut es geht alles damit meine Schwester und ich nicht viel von ihren Sorgen mitbekamen.

Im letzten Jahr des Verfahrens verstarb mein Onkel, der j√ľngere Bruder meines Vaters, an ein pl√∂tzliches Lungenversagen. Damals war ich 14 Jahre alt und hatte meinen Papa noch nie zuvor so niedergeschlagen erlebt. Er lief Stunden lang ahnungslos in der Wohnung auf und ab. Wie ein Vogel gefangen in einem K√§fig. Er kam einfach mit der Erkenntnis nicht klar, bei der Beerdigung seines eigenen Bruders nicht dabei sein zu k√∂nnen. Sein Geduldsfaden war dem Rei√üen nahe.

Ein paar Monate sp√§ter erreichte uns der endg√ľltige Bescheid. Wir erhielten endlich das Bleiberecht in √Ėsterreich.

Alles, wirklich alles, hatte sich letztlich gelohnt.

© Tekusha 2021-08-14

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich √ľber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.