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#1080wien

Kindheitserinnerungen

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Kindheitserinnerungen | story.one

Die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich im 8. Bezirk. Meine fr├╝hesten Erinnerungen stammen aus dem Karwan Haus der Caritas in der Blindengasse 44, wo meine Familie und ich f├╝nf Jahre lang in einer 20 Quadratmeter kleinen Wohnung lebten und eine Gemeinschaftsk├╝che mit Menschen teilten, die ├╝berwiegend aus den selben Gr├╝nden dort waren wie wir. Uns vereinte eine einzige Entscheidung, die unser Leben komplett ver├Ąndern sollte und das Warten darauf z├Âgerte sich bei einigen l├Ąnger hinaus als bei anderen. Zehn Jahre lang wartete meine Familie auf das Bleiberecht, doch zur├╝ckblickend kann ich offen und ehrlich sagen, dass ich eine unbeschreiblich sch├Âne und sorgenfreie Kindheit hatte. Auch wenn auf den Schultern meiner Eltern unendlich viele Sorgen lasteten, nahmen meine j├╝ngere Schwester und ich nichts davon wahr, wof├╝r ich meinen Eltern unglaublich dankbar bin.

Ich wuchs mit unz├Ąhligen Kindern aus unterschiedlichsten Kulturen auf, deren aufgeweckte Gesichter mir bis heute noch klar und deutlich vor Augen sind. Nach der Schule trommelten wir immer alle zusammen, suchten Verstecke, wo wir uns Gruselgeschichten erz├Ąhlten oder spielten eifrig Fangen im Stiegenhaus. Bei einer Freundin verbrachte ich Tage mit Baucht├Ąnzen, Herumwedeln bunter T├╝cher und orientalischer Musik, bei einer anderen mit Z├Âpfen flechten und kochen traditioneller Speisen. Die Vielfalt vereinte uns, Ausgrenzung kannten wir nicht.

Das winzige Zimmer hielt meine Eltern nicht davon ab zu meinem siebten Geburtstag eine riesige Party zu organisieren. Am Ende waren so viele Kinder und Eltern anwesend, dass sich die Feier sogar in den Gang verlagerte. Meine FreundInnen wollten gar nicht mehr nach Hause gehen, weil wir so viel Spa├č hatten. Ich glaube, dass in so einem jungen Alter der materiellen Wohlstand des anderen nicht hinterfragt wird, denn in den meisten F├Ąllen ├╝berwiegt das Vergn├╝gen, welches man zusammen erlebt.

Ich erinnere mich an meinen ersten Streit mit meinen besten Freundinnen im Schulhof der Volksschule Pfeilgasse und an den Schulweg, der von unvergesslichen Lachkr├Ąmpfen und Wettl├Ąufen gepr├Ągt war. Erinnere mich wie wir singend und tanzend durch den Hamerlingpark schritten, da wir die Welt wie ein Musical wahrnahmen. Der damalige Disney Film "High School Musical" hatte nat├╝rlich auch einen gro├čen Einfluss auf uns ausge├╝bt. Wir f├╝hrten unsere einstudierten T├Ąnze sogar am Josefst├Ądterstra├čenfest auf und hatten somit ein Ereignis ├╝ber das wir das ganze Jahr prahlen konnten.

Ich ging in den Kindergarten und absolvierte die Volksschule sowie das Gymnasium im 8. Bezirk. Auf dem Weg in die Uni fahre ich heute stets vom 16ten mit der Stra├čenbahn durch den 8ten. Unz├Ąhlige Erinnerungen spielen sich dann vor meinen Augen ab und lassen mich in die sorglose Welt meiner Kindheit eintauchen. Ich bin ├╝berzeugt, dass es mich eines Tages wieder dorthin zur├╝ckziehen wird, denn Josefstadt ist und bleibt auf ewig mein Lieblingsbezirk!

┬ę Tekusha 2020-03-12

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