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#freundschaft#verlust#einsamkeit

Atme

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Atme | story.one

Das eiskalte Wasser prasselt auf meinen Körper. Jedes einzelne Haar stellt sich auf und die Gänsehautrennt über meine Haut, wie eine Ameisenkolonie. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen und ich will verstehen, wie es dazu gekommen ist. Langsam drehe ich das Wasser wärmer. Mein Herzschlag verlangsamt sich und meine Atmung wird ruhiger. Das eigene Herz bis in die Augen zu spüren. Das Hämmern in der Brust, als ob der ganze Körper nur noch aus Herzschlägen bestehen würde. Es lässt nach. Es muss nachlassen. Ich schließe meine Augen. Die vergangene Stunde läuft wie ein Film immer wieder hinter meinen Augenlidern ab.

Wir waren zu dritt in einem Lokal. Mein Mann, sein Bruder und ich.

Mein Mann hat schon wieder den Boden unter den Füßen verloren. Er trinkt zu viel. Ich kann ihm nicht helfen und er nicht mir. Sein Bruder hat kopfschüttend, bedauernd zugesehen. Ich bin vom Tisch, durch die Leute drängend, Richtung Toiletten. Die Tür der Kabine schließe ich nicht gleich. Ich suche etwas in meiner Tasche, bemerkte die unmittelbare Stille. Draußen im Lokal herrscht eine Mischung aus lauter Musik, Gebrüll und Gelächter. Mit dem Zufallen der Türe ist es, als ob jedes Geräusch aus dem Raum gesogen wurde. Ich bin alleine und atme tief durch. Die Stille wird kurz unterbrochen. Es klopft an der Kabinentür. „Ja? Was ist? Es ist genug frei.“ „Mach bitte auf!“ Ich erkenne die Stimme sofort. Sein Bruder steht vor der Tür. Was will er hier drin? Ich öffne die Türe einen Spalt und er zieht sie ganz auf. Er hat einen Keil unter die Türe geschoben.

„Dir geht’s scheiße. Das sieht jeder. Warum tut ihr zwei euch das weiter an? Ich meine, niemand würde urteilen, wenn ihr euch trennen wollt. Wir wissen, was ihr durchlebt habt.“ „Ich weiß nicht, was du meinst.“ Meine Augen fixieren seine. Ich will nicht zugeben, dass meine Ehe gerade dabei ist zu zerbrechen. Wir können nichts dafür. „Sag mir was du brauchst. Ich war immer für dich da.“ „Ich brauche nichts. Aber Danke, dass du fragst.“ Ich will ihm ins Gesicht sehen, meinen Schmerz nicht mehr verbergen. Meine Augen streifen sein Gesicht nur für wenige Sekunden und ich richte meinen Blick auf den Boden.

Seine Hand berührt mein Gesicht. Vorsichtig, fast zaghaft. Sie ist angenehm warm und weich. Ich sollte zurückweichen. Doch die Berührung wandert wie durch eine Welle durch meinen ganzen Körper. Ein leises, längst vergessenes Gefühl von Wärme und Sehnsucht kriecht aus den tiefen, dunklen Ecken hervor. Es erscheint mir Jahre her zu sein, das eine Berührung in mir etwas anderes als Traurigkeit erregt hat. „Ich sehe dich und ich sehe deine Sehnsucht nach etwas Halt. Vergiss für ein paar Momente den Schmerz und lass diesen dunklen, kalten Ort zurück.“

Und mit diesen Bildern im Kopf stehe ich jetzt zu Hause, unter der Dusche. Ich weiß nicht, wo mein Mann gerade ist, vielleicht ist er noch in dem Lokal. Sein Bruder hat mich heimgebracht. Er hat mich im Arm gehalten. „Melde dich, bitte. Und verdammt nochmal, atme endlich wieder.“

© Teresa Roscher 2021-02-23

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