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Der Friedhof der Namenlosen

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Der Friedhof der Namenlosen | story.one

Mein Mann und ich sahen uns im Wiener Rabenhoftheater das gruselig-komische Singspiel „Hafen Wien“ von Ernst Molden an. Der Schauplatz dieses Stückes war der Friedhof der Namenlosen. Man erlebte Geister und Gespenster, einen exzentrischen Totengräber und das Donauweibchen, das eine Imbissbude am Donaustrand betrieb, aber im Zweitberuf eine Sado-Maso-Domina in der diffusen Halbwelt zwischen Leben und Tod war.

Sehr inspiriert beschlossen wir bei nächster Gelegenheit auf diesen Friedhof zu fahren.

Der Friedhof gilt unter Touristen als Geheimtipp. Nahe dem Alberner Hafen, wurde hinter dem Hochwasserschutzdamm auf einem Waldstück, das die Gemeinde Albern 1900 gepachtet hatte, ein Friedhof angelegt, der bis heute gepflegt wird und zugänglich ist. Hier werden die Ertrunkenen, die hier angeschwemmt wurden, beerdigt. Im November 1918 musste der Friedhof bis auf Weiteres stillgelegt werden, da, bedingt durch die Not an Brennstoffen, Holzkreuze sowie ausgegrabene Särge geplündert wurden.

1935 erhielt der Friedhof eine steinerne Umfassungsmauer und eine Einsegnungskapelle. Als 1939 der Alberner Hafen gebaut wurde, änderten sich die Strömungsverhältnisse im Donaustrom und es wurden keine Leichen mehr angeschwemmt. Insgesamt wurden hier 104 Wasserleichen beerdigt, 43 davon konnten identifiziert werden, auf den anderen Kreuzen steht „unbekannt“.

Auf dem bestehenden Friedhof der Namenlosen wurde jeder Tote in einem Holzsarg begraben, der von einer Tischlerei gespendet wurde. Niemand wurde „einfach so“ verscharrt. Der ehrenamtliche Totengräber hat den Friedhof bis zu seinem Tod mit großer Sorgfalt betreut. Auf den Gräbern wurden von ihm schlichte eiserne Kreuze mit weißen Christusfiguren angebracht.

Jedes Jahr hält der Fischerverein Albern eine Gedenkfeier ab. Am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerheiligen lassen die Vereinsmitglieder ein von ihnen gebautes, mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen geschmücktes Floss zu Wasser. Darauf befindet sich ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift „Den Opfern der Donau“ und der in den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Ungarisch verfassten Bitte, das Floss, sollte es am Ufer hängen geblieben sein, einfach weiterzustoßen.

An eben diesem ersten Sonntag nach Allerheiligen fuhren mein Mann und ich zum Friedhof der Namenlosen. Vor dem Eingang stand eine große Menge kleiner gelber Astern, die den Blumenhändlern bei ihrem Allerheiligengeschäft offenbar übrig geblieben waren und die sie nun spendeten. Jeder Besucher konnte sich bedienen und die Blumen an irgendwelchen Gräbern deponieren. An den meisten wurden auch Kerzen entzündet. Eine sehr besinnliche Stimmung.

Dann kamen die Männer mit dem geschmückten Floss. Nach einem kurzen Gedenken, hievten sie das Gesteck auf ein Holzboot und brachten es in die Mitte des Flusses, dort wo die Strömung am stärksten war. Dort ließen sie es vorsichtig ins Wasser gleiten…

© Ulrike Sammer 2021-03-26

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