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#verlust#tod#krankenhaus

Aus dem Leben gerissen!

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Aus dem Leben gerissen! | story.one

„Bonjour Maman Manuela“, jeden Tag begrüßte mich Paul mit einem fröhlichen Lächeln. Ich kann mich auch ehrlich gesagt an keinen Tag erinnern, an dem er nicht gut gelaunt war. Paul war einfach ein lieber Mensch, außer ein anderes Auto schnitt ihm den Weg ab, dann konnte er schon mal das Fenster runterkurbeln und auf Lingala ein paar Schimpfworte loslassen. Aber danach lachte er wieder herzig darüber!

Papa Paul war für einige Zeit unser Fahrer in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongos. Da mein Mann dort eine Weile bei der Botschaft arbeitete, lebten wir in dieser Millionenstadt und ein Fahrer war einfach praktisch, da der Verkehr schlimm ist. Der Schnellere kommt zuerst – ansonsten gibt es keine Verkehrsregeln in Kinshasa!

Auf jeden Fall war Paul froh, dass er einen gut bezahlten Job ergatterte und sich so um seine Familie kümmern und seine Kinder in die Schule schicken konnte.

Paul wuchs aber nicht in Kinshasa auf, sondern im Inneren des Kongos. Er war ein Straßenkind. Auffallend an ihm war, dass er keine dunkle Hautfarbe hatte. Das kam dadurch, dass seine Mutter wahrscheinlich von einem, nennen wir ihn mal „hellhäutigen Nicht-Kongolesen“ vergewaltigt wurde und später auch keine Möglichkeit hatte sich um das Kind zu kümmern. Lange Rede, kurzer Sinn: Er hatte es nicht einfach und wurde durch Zufall als Kind von amerikanischen Freunden von uns entdeckt, die ihm einen Platz in ihrem Waisenhaus in Kinshasa gaben und dafür sorgten, dass er eine Ausbildung erhielt.

Eines Tages fuhr Paul, wie so oft nach seiner Arbeit bei uns, mit dem Motorrad nach Hause. Dieses Mal kam aber alles anders als gedacht, denn er wurde von einem Auto angefahren und blieb blutüberströmt auf der Straße liegen. Der Fahrer war schon längst über alle Berge, als Paul nach seinem Handy in der Tasche greifen wollte und in diesem Moment kam auch schon die Polizei herbei. Anstatt Paul aber zu helfen, raubte der Polizist ihn aus und nahm alles mit, was er bei sich hatte. Einzig um sein Handy kämpfte er so gut es ging und schaffte es meinen Mann anzurufen.

Mein Mann kümmerte sich darum, dass Paul in ein für Kinshasa gutes und somit auch teures Krankenhaus kam und da er einige Operationen benötigte, war es, auch wenn es für meinen Mann nicht leicht war, so viel Geld auf einmal aufzutreiben, für ihn klar, dass er alles tun würde, damit Paul überlebte. Später kam heraus, dass ein Bein von Paul amputiert werden musste, damit er überleben konnte.

Ich war bereits in Tshumbe, als mich mein Mann anrief und mir schluchzend mitteilte: „Paul is dead. Manu….Paul is dead.“ Sofort brach ich in Heulen aus und ein grausamer Schmerz durchfuhr mich. „Warum? Warum?“, dachte ich mir nur!

Paul starb, da die Ärzte einen Fehler machten! Es hätte nicht sein müssen und das vor allem nicht in einem „besseren“ Krankenhaus wie diesem. Paul war tot und hinterließ eine große Lücke in unseren Herzen, aber vor allem bei meinem Mann, denn Paul war nicht einfach sein Fahrer – sondern sein guter Freund!

© WaaleWaana 2021-08-15

#motorradstories

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