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#trauer#wasjetztwirklichzählt#weltfragen

Halte durch!

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Halte durch! | story.one

“Halte durch”, sind meine Gedanken, wenn diese zu Aimerance schweifen. Sie ist ein kleiner Sonnenschein, der tanzt, kichert und Freude verbreitet, wenn es ihr gut geht. Aimerance ist aber auch ein wirklicher Sturkopf, der sich keinen Schritt bewegt, wenn sie lange nichts gegessen hat. Und Aimerance ist eine Kämpferin, die von klein auf Gewalt, Tod und Krankheit miterlebt und jeden Tag um's Überleben kämpft.

Die dreijährige Aimerance lernte ich bei meiner ersten Reise in den Kongo im Jänner 2013 kennen. Mit ihrer Mutter und ihrer Oma wohnte sie direkt neben meinem Kindergarten, der damals noch eine winzige Lehmhütte war. Mit ihrem Onkel Jean, der nur ein paar Jahre älter als sie war und das Downsyndrom hatte, kam sie nicht nur in unseren Kindergarten, sondern war auch nachmittags immer an meiner Seite. Ihren Vater kennt sie bis heute nicht und keiner weiß, ob er überhaupt noch lebt. Damals hatte ihre Mutter, Mama Shako, einen Freund, der dieser mit harter Faust oft genug zeigte, wer hier das Sagen hat. Irgendwann verließ Mama Shako mit diesem Freund ihre kleine Aimerance und zog viele Kilometer weg. Aimerance musste die Trauer durchhalten.

“Ich will noch nicht sterben, bevor ich noch nicht einmal meine Mama Manuela gesehen habe", schrie sie ein paar Jahre später im Krankenhaus, das auch nur aus ein paar Barracken bestand, um ihr Leben. Weinend saß ich am Telefon und betete: “Aimerance, bitte halte durch." Aimerance erhielt damals ihre siebte Bluttransfusion.

Nach einiger Zeit fanden wir heraus, dass sie eine weltweit unheilbare Krankheit hat: die Sichelzellenanämie. Eine angeborene Erkrankung der roten Blutkörperchen, die sozusagen eine chronische Blutarmut hervorruft und den Körper immer wieder mit Schmerzen überströmt. Es gibt dafür keine Behandlung und krankheitslindernde Medikamente habe ich vergebens versucht aufzutreiben. An diesem Tag erklärte ich ihr, dass sie auf bestimmte Dinge achten sollte, denn sonst würde sie wieder so krank werden und sterben. Aimerance war mit ihren sechs Jahren schon weiter als so mancher Erwachsener, verstand sofort und hielt durch.

Aimerance größter Schutzengel, Jean, verstarb im April 2020 völlig unerwartet und riss ein Loch in unser aller Herzen, aber ganz besonders in das von Aimerance. Monatelang weinte sie, sie wollte nichts mehr essen und sie flehte Jean an seinem Totenbett an sie mitzunehmen. “Jean, warum hast du mich verlassen? Warum hast du mich nicht mitgenommen?" Noch jetzt kommen mir die Tränen, wenn ich daran zurückdenke. Auch ihre Oma war damals schon weggezogen, ihr kleiner Cousin zwei Monate davor an Typhus verstorben und alle, die von ihrer Familie noch übrig waren, verzweifelt vom Leben mit dem ständigen Tod.

Aber Aimerance hielt durch. Sie gab nicht auf und sie kämpft bis heute jeden Tag für ihr Leben. Sie ist jetzt 11 Jahre alt und eine wahrhafte Kämpferin. Und noch jetzt schicke ich ihr in Gedanken jedes Mal ein kleines “Halte durch, Aimerance!"

© WaaleWaana 2021-03-09

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