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#naturerlebnis#alltagskomik

Kein Zirbenschnaps

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Kein Zirbenschnaps | story.one

Wenn der Tannenhäher beginnt, die Zirbe anzufliegen, wissen wir, dass die Zirbenzapfen einen Reifegrad erreicht haben, mit dem man sie für die Produktion von Zirbenschnaps verwenden kann. Das ist üblicherweise – aber auch abhängig von der Höhenlage – ab der zweiten Junihälfte der Fall.

Die Zirbe, eigentlich "Zirbelkiefer" mit vollem Namen, steht in Kärnten unter Naturschutz. In Gottes freier Wildbahn darf man maximal fünf Zapfen sammeln, wenn man nicht gerade eine Liegenschaft sein Eigen nennt, auf der Zirben wachsen. Die Bergwacht, im Volksmund auch "Blumensheriffs" genannt, sind da sehr konsequent. Und sie dürfen auch Strafen verhängen. Auch sei erwähnt, dass der Baum nur alle zwei bis drei Jahre blüht und dann auch mehr als nur vereinzelte Zapfen trägt.

Man kann Zirbenzapfen aber auch im Internet kaufen, üblicherweise ab einem Euro pro Stück.

Auf M.s Grundstück steht unmittelbar nach dem Gartentor eine Zirbe. Das hat sie bis vor einigen Jahren noch nicht gewusst und den Baum für eine gewöhnliche Kiefer gehalten. Andere dürften davon aber sehr wohl Kenntnis gehabt haben, weil der Zapfenbewuchs immer erst in einer Höhe begonnen hat, wo auch der ausgestreckte Arm nicht mehr hingereicht hat.

2015 haben wir also erstmals selbst Zirbenschnaps angesetzt. Die Rezepte dafür sind so "geheim", dass sie außerhalb des Internets kaum noch verbreitet werden. Die Zutaten variieren von Rezept zu Rezept. Die Zirbenzapfen werden in Scheiben geschnitten, im Idealfall sind sie innen noch rot, aber noch nicht harzig. Weitere Vorgangsweise nach dem jeweiligen Rezept, danach braucht man Geduld. Rückwirkend betrachtet: es hat sich gelohnt.

2018 war der Baum wieder voller Zapfen, aber der Tannenhäher war noch gar nicht da. Wir wollten am Sonntag ernten, weil wir am Samstag zu einer Veranstaltung mussten. Als wir am Abend von dieser zurückkehrten, sahen wir ein Eichhörnchen auf der Zirbe herumhüpfen. Alle paar Minuten fiel ein leerer Zapfen zu Boden, alle Samen herausgelöst. Wie uns Nachbarn berichteten, war das Eichhörnchen seit den späten Vormittagsstunden zugange.

Am Sonntag um zehn Uhr war die Sache dann erledigt. Auch das Eichhörnchen hat sich wieder aus dem Staub gemacht. Unter dem Baum lagen gezählte einhundertsieben leere Zirbenzapfen, kein einziger war mehr auf dem Baum zu sehen. Keine Ernte, freier Sonntag, kein Zirbenschnaps.

***

Eine Woche später haben wir einem Nachbarn davon erzählt. Tage später hat er uns vierzehn Stück, auf einem von ihm gepachteten Grundstück selbst gepflückt, geschenkt, damit sich wenigstens ein bisschen Zirbenschnaps ausgeht.

Bild: pixabay.com

© Walter Lepuschitz 2021-06-11

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