skip to main content

Arlberg

  • 24
Arlberg | story.one

17.7.2011. Fahre mit meinem Sohn Jan nach Lech. Wir besuchen Bianca. Meine Tochter, Jan's Schwester. Sie arbeitet als Sous Chef in einem renommierten Hotel an der Bar. Noch keine 19 Jahre alt. Nach ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule. Ihr Chef, Seppi. Wir werden ihn bald kennenlernen.

Ein regnerischer Tag. Passt gut zu meiner Stimmung, gut, ist relativ, vor zwei Wochen hat mich Tania verlassen. Die Liebe meines Lebens. Nach drei Jahren. Wollten zusammen alt werden. Hat sie mir noch Wochen zuvor geschrieben. Papier ist geduldig. Wie ich heute weiß.

Wir haben den Flexenpass bei Zürs hinter uns. Immer wieder ein Erlebnis als Autofahrer. Die in den Fels gehauenen Galerien. Wir erreichen Lech und das Hotel.

Bianca in Action an der Hotelbar. Sie sieht uns. Lächelt. Wir umarmen uns. Wie gerne hätte ich Tania bei mir. Sie hatte sich so gut mit meinen Kindern verstanden.

Wir setzen uns an die Bar. Bestellen. Cola für Jan, saurer Radler für mich.

Heute sind nicht viele Gäste. Beobachte Bianca. Wie sie mit ihrem vereinnahmenden Wesen, ihrem Lächeln und ihrer feinen Ausstrahlung die paar Gäste bedient. Alle fühlen sich wohl. Souverän schmeißt sie die Bar. Kompetent erfüllt sie die Wünsche der Gäste.

In mir ein bittersüßes Gefühl. Der Trennungsschmerz nagt an mir, reißt mir fast das Herz aus der Brust. Ja, wie gerne hätte ich heute Tania bei mir. Versuche diese Gedanken zu verscheuchen. Wende mich wieder Bianca zu. So jung, und so souverän.

Wir unterhalten uns. Bianca erzählt über die ersten Tage im Hotel. Eine der besten Adressen in Lech. Stellt uns ihren Chef Seppi vor. Ein schon älterer Herr. Ein Profi in der gehobenen Hotellerie.

Ich entspanne mich. Der Druck auf meiner Seele lässt etwas nach.

Bestelle noch einen zweiten Radler. Und Bianca eröffnet uns einen Einblick wie so ein Hotel geführt wird. Bianca hat die Hotelfachschule in Bludenz absolviert, mit gutem Erfolg. Wollte eigenlich in die HLT. Und dort maturieren. Wurde leider nicht aufgenommen.

Es wird Zeit aufzubrechen. Ein schöner Tag, wenn auch bittersüß für mich.

Die Matura hat sie mit Erfolg nachgeholt. Damals schon als junge Mutter eines süßen Buben. Eine tolle Leistung. Hat Jan in Mathematik noch Nachhilfe gegeben. War schon die Zeit der Zentralmatura. Bianca bei der Berufsreifeprüfung, Jan an der HAK. Sie haben beide bestanden.

Ich war damals so stolz auf meine Tochter. Maturavorbereitung, ein kleiner Sohn, und berufstätig. Zuerst in einem Cafe in Feldkirch. Dann in einem Bauunternehmen in Röthis. Am Wochenende in einem renommierten Club in Feldkirch. Das alles unter einen Hut zu bekommen. Für mich eine unglaubliche Leistung. Hut ab.

Mama, angehende Maturantin, berufstätig. Bin stolz auf Dich Bianca.

Ich weiß, Du machst in gerade eine schwere Zeit durch. Wie wir alle. Die einen haben mehr damit zu kämpfen, die anderen vielleicht etwas weniger. Aber uns alle belastet diese Zeit.

Sehe wieder Bilder aus der Bar in Lech.

Werde immer für Dich da sein. In Liebe, Dein Papa.

© Walter Tiefenbacher 2021-01-13

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Walter Tiefenbacher einen Kommentar zu hinterlassen.