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#bauchgefühl#selbstreflexion#selbstkritik

Bauchgefühl

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Bauchgefühl | story.one

‚Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen‘ … das waren eine ihrer letzten Worte an mich gerichtet. Der Rest … blieb unausgesprochen. Erst Tage später wird mir die Bedeutung, die Heftigkeit dieses Fragments bewusst und der seelische Schmerz setzt ein. Mit voller Wucht. Unerbittlich. Das Unausgesprochene sollte heißen … ‚ und ich hätte erst gar nichts mit Dir anfangen sollen.‘

Ja, manchmal würden wir uns viel an seelischem Schmerz und Kränkungen ersparen, würde wir auf dieses ominöse Bauchgefühl achten.

An jenem verhängnisvollen Abend hätte ich auch auf mein Bauchgefühl achten sollen. Nämlich im Hotel bleiben. Das auswärtige Abendessen endete im Fiasko. Wieder einmal waren die Smartphones wichtiger als das persönliche Gespräch. Ein Videoanruf wurde zu meinem Trigger. Muss das sein. Meine Laune im Keller. Falle in ein Loch. Düstere Bilder aus der Vergangenheit kommen wieder ans Licht. Ziehe mich zurück. Und in solchen Situationen kann ich einfach nicht mehr reden. Bin dann wie blockiert.

So gut der Urlaub anfing, so mies endete er.

Langsam erfange ich mich wieder. Aber es ist zu spät. Die Beziehung wird beendet. Jäh und ohne wenn und aber.

Die nachfolgenden Wochen sind von seelischen Schmerzen durchdrungen. Sie äußern sich auch in körperlichen Schmerzen.

Aber ich lasse nicht zu, dass sie mich komplett in Haft nehmen. Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass meine Seele in Mitleidenschaft gezogen wird. An Demütigungen und Kränkungen bin ich in meinem Leben durchaus gewohnt. Sie haben mich geprägt, immer wieder zu Boden geworfen, mich immer wieder aufstehen lassen und immer mehr stärker werden lassen. Und gerade dieses Mal spüre ich genau diese Kraft in mir. Und die Zuversicht, dass ich damit immer besser umgehen kann. Die Schmerzen lassen nach. Das Licht am Ende dieses schmerzvollen Tunnels wird größer und größer. In meinem Körper breitet sich gerade beim Schreiben dieser Zeilen ein so wohliges Gefühl aus. In Worten gar nicht zu fassen. Etwas beinah Göttliches.

Ja, eine Lebenserfahrung mehr. Vielleicht habe ich jemanden verloren, der mich nie geliebt hat. Ich jedenfalls habe wieder an Kraft und Zuversicht gewonnen.

Jetzt freue ich mich auf den bevorstehenden Urlaub. Alleine. Aber mit Ausblick auf die schönen Dinge des Lebens. Etwas Zeit mit meinem in Wien studierenden Sohn. Ein feiner Heurigenbesuch in Perchtoldsdorf, ein kultureller Trip in die altrömische Antike in Carnuntum. Dann geht es für mich weiter ins Waldviertel. Kann es kaum erwarten, mit dem Rennrad die Mystik der vorbeiziehenden Landschaft einzufangen. Einzusaugen. Wie gut dies meiner Seele tun wird.

Und dieses Mal höre ich auf mein Bauchgefühl. Es wird eine gute Woche werden. Kann es kaum erwarten, die frische und raue Luft des Waldviertels in mir aufzunehmen. Wieder meine Wurzeln spüren. Mich spüren. Und wie meine Seele wieder gesundet.

Es hat auch etwas für sich, immer wieder zu seinen Wurzeln zurückzukehren, den Spirit seiner Herkunft zu erneuern.

© Walter Tiefenbacher 2021-09-15

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