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#festival#salzburg#zirkus

Rollkragen am Winterfest

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Rollkragen am Winterfest | story.one

Ein Anruf erinnert mich. Zu spät! Das schafft keiner! Winterfest in derSZENE, früher Republic und noch früher Stadtkino. Eine Zirkus-Show über das Vergessen. Wie für mich gemacht. Ich habe vergessen, dass heute die Vorstellung bereits um 18 Uhr beginnt. Überstürzt breche ich auf und renne im Slalom an belebten Hindernissen vorbei durch Salzburg. Der Schneeregen prasselt auf mich ein. Im letzten Moment schleppe ich mich mit bleiernen Beinen zum Einlass, zeige meine Covid Dokumente und registriere mich mit zittriger Hand. Krisou sitzt schon in der letzten Reihe. "Du bist nass!", sagt sie, und ich sehe, dass die SZENE bis auf den letzten Platz voll ist. Mit meiner neuen Brille, die ich mir erst heute vom Optiker geholt habe. Es ist ein surreales Bild. Nicht nur, weil alle Zuschauer FFP2 maskiert sind, sondern weil ich durch die Brille alles verzerrt sehe. Cirque Barcode heißt die Companie. Am rechten Gang ziehen mich die rhythmischen Bewegungen eines Mannes im Rollkragenpullover in den Bann. Er windet sich wie eine Schlange. Gehört er zur Show? Es geht ums Vergessen. Er erinnert mich an etwas vergessen Geglaubtes. An den Headbanger. Damals in den 70er Jahren konnte man bei den Konzerten meiner Lieblingsband Alpha darauf wetten, dass er aufstehen würde und sein schulterlanges Haar erst sanft hin und her wiegen und dann den Kopf schütteln würde, als wolle er hartnäckige Erinnerungen herausklopfen wie Staub aus einem Teppich. Da die Show noch nicht beginnt, widme ich mein kriminalistisches Interesse dem auffälligen Mann im Rolli. Seine FFP2 verleiht ihm noch mehr Coolness. Wie ein Storch gibt er sich. Ich konstruiere mir ein passendes Drumherum. Ich scanne sein Umfeld. Ist er allein? Ich suche nach freien Plätzen. Warum hat man ihn dann eingelassen? Jetzt kreist er sein Becken. Pah! Das Licht wird eingezogen. Dunkelheit. Spots beleuchten einzelne Teile der Bühne. Im Scheinwerferlicht kleben die Artisten Eric, Alexandra und Eve ihrem vergesslichen Freund Mason gelbe Klebezettelchen als Erinnerungshilfen auf den Pullover. Es ist kein Rollkragen. Also der Mann am Gang ist es nicht. Einen Moment überlege ich, was aus ihm geworden ist, dann fesselt mich die virtuose Show von Cirque Barcode. Erst fliegen die beiden Artistinnen im Handstand von Partner zu Partner, dann jongliert Eric seine Zigarrenschachteln. Schließlich wird eine Art federnder Schwebebalken von den Männern geschultert, mit dem Alexandra bis zu den Scheinwerfern hinaufgeschleudert wird und elegante Strecksalti wie blitzschnelle Doppelsalti ausführt, die sie auf dem schmalen Gerät punktgenau landen muss. Mir stockt der Atem. Bis zum Ende der Show und dem überschäumenden Applaus sollte ich unter der FFP2 kaum mehr zu Atem kommen. Der Rollkragenprinz scheint unter den spektakulären Künstlern des Winterfestes nicht auf. Nur in meinem Ordner »Drumherum« hängt er fest, wie so viel Unbedeutendes, das ich nicht abzuschütteln vermag.

Wolfgang Schinwald

© Winterfest Salzburg 2022-01-10

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