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Vom Alpenwall zum “Genuss-Bunker”

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Vom Alpenwall zum “Genuss-Bunker” | story.one

In Südtirol wurde von 1938 bis 1942 der sogenannte Alpenwall zum Schutz Italiens vor dem Einmarsch der Deutschen errichtet. Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini ließ den „Vallo Alpino del Littorio“ erbauen, weil er seinem wichtigsten Verbündeten, Adolf Hitler, nicht traute, obwohl sich die beiden Staaten zuvor noch mit dem „Stahlpakt“ gegenseitige Treue geschworen hatten. Mehr als 350 Bunkeranlagen entstanden, viele ohne Lüftungsanlagen, Stromversorgung und Bewaffnung. Besonderes Glück war, dass die Bunker keinem Angriff ausgesetzt waren. Nach 1945 gehörten die Anlagen aus der Zeit des Faschismus zum Verteidigungskonzept der Nato und blieben in der Zeit des Kalten Kriegs bis Anfang der 1990er Jahre gefechtsbereit. Der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs machte die weitere Nutzung überflüssig, und die Bunker gingen 1999 vom Militär ins Eigentum der autonomen Provinz Bozen über. 20 Bunker wurden unter Denkmalschutz gestellt.

Die Bunker waren oft Ziel geheimer Erkundungen und Mutproben von Jugendlichen. Einige wagten sich mit Fackeln und Taschenlampen ins Innere der ehemaligen Verteidigungsanlagen. Diese Aktionen in den dunklen, feuchten Gängen und rutschigen Schächten waren gefährlich und für viele enttäuschend. Sicher hofften die jungen Besucher der Beton-Objekte altes Material aus der Kriegszeit zu ergattern. Doch diese Hoffnungen wurden schnell zerschlagen. Es gab zu dieser Zeit nichts mehr zu finden, außer Schutt, Dreck und Müll. Mit hängendem Kopf verließ ein 15-jähriger Junge einen Bunker in der Nähe von Mals. Beobachtet wurde er dabei von einer älteren Dame, die in einem nahegelegenen Haus wohnte. Sie trat aus dem Haus und warnte ihn: „Pass` auf, dass du nicht auf eine Granate trittst. Es sind auf diesem Grundstück knapp unter der Erde sehr viele herumgelegen. Einem Jungen in deinem Alter hat es einmal einen Fuß weggerissen. Er hat sie natürlich nicht sehen können.“ Dieser Warnung folgend, verließ – wie die meisten der jungen Leute – auch der 15-jährige wieder das Gelände und meinte kleinlaut: „Ja, es ist gefährlich. Es liegen auch Glasscherben am Boden. Und die Treppe in den Keller ist wirklich unheimlich.“ Die alte Dame verzichtete aufgrund der Vernunft des Jungen, dessen Eltern über den Vorfall zu verständigen.

Heute werden die verbliebenen Bunker friedlich genutzt, öffentlich als Museum, aber auch von vielen privaten Eigentümern, die die ursprüngliche Bedeutung der Objekte ins Gegenteil verkehrt hatten. Den Besitzern war wichtig, diesem ehemaligen Schutz vor feindlichen Streitkräften, die damalige Funktion zu nehmen und mit einer "friedlichen Botschaft" auszustatten. Für Laien ist ein Zusammenhang kaum mehr zu erkennen. Der Alpenwall ist zum Ausflugsziel für Geschichtsinteressierte geworden und mutet beim Wandern wie ein bizarres Kunstwerk an. Sogenannte „Genuss-Bunker“ dienen auch für Käse-, Bier-, Wein- und Kunstpräsentationen.

© Wolfgang A. Schweighofer 2021-06-11

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