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#achtsamkeit#selbsterfahrung

Die wahren Meister des Lebens

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Die wahren Meister des Lebens | story.one

Ich bin seit einigen Jahren Meditations- und Achtsamkeitslehrer.

Spätestens im Rahmen der Ausbildung zu diesem Beruf, wahrscheinlich aber schon früher, kommt man mit den Gurus und Meistern östlicher und westlicher Meditations- und Achtsamkeits-Philosophien in Berührung, die uns das Leben auf ganz neue Art und (Sicht)Weise erklären.

Man verschlingt deren Bücher, praktiziert die darin beschriebenen Meditationen und Achtsamkeitsübungen, untermalt von dafür komponierter Musik (extra erhältlich), eingehüllt in exotische Räucherstäbchen-Düfte und bunte Gewänder, mal wallend, mal enganliegend.

Die Bücher (wie auch die dazugehörigen CDs) verkauften sich übrigens so gut (und tun es noch), dass diese Meister und Gurus sich schon einmal den einen oder anderen Luxuswagen in die Garage stellen konnten und auch sonst relativ niedrige Lebenskosten hatten, da ihre Anhänger ("Devotees"), um dem Meister nahe zu sein bzw. sich in seiner Aura baden zu können, ihre Dienste oft kostenlos zur Verfügung stellten … ein angenehmer Nebeneffekt dieses Meistertums.

Doch, ja, ich war fasziniert von dieser ganz eigenen Welt mit ihren sinnigen Sprüchen ("Der Weg ist das Ziel" ... oder etwa doch umgekehrt?) und reiste los gen Indien, landete schließlich an der Grenze zwischen Okzident und Orient auf einer griechischen Insel und arbeite mehrere Monate in einem der ansässigen Meditationszentren, in denen der Geist der – vor allem – östlichen Meister deutlich zu spüren war.

Dort konnte ich in Folge beobachten, dass einem die in zahlreichen Büchern zitierte Kundalini (oder Lebensenergie) durchaus einmal zu Kopf steigen kann. Nach einem erfüllenden Seminartag ganz im Sinne von "We are all one", wurden von den Teilnehmern am Abend beim veganen Buffet schon einmal die Ellbogen ausgefahren, um in der Schlange (übersetzt in Sanskrit übrigens in etwa: Kundalini) ganz vorne zu stehen – weil uns das Stillen des eigenen Hungers doch am nächsten scheint … “Namaste und Mahlzeit”.

Ich persönlich verbrachte meine freien Abende lieber in den Tavernen der Einheimischen, plauderte mit Gastwirten und Arbeitern … über das Leben, dessen Sinn, wie auch Zweck und erfuhr bei einem Bergtee, Bier oder Ouzo viele Dinge, die mir bis dahin keiner der östlichen oder westlichen Meister nahebringen konnte, … mitten im Leben, direkt an dessen Quelle.

Meine Lektion daraus war, dass sich der Begriff des Meisters dort auflöst, weil er jede Bedeutung verliert und weil er für diese großartigen, authentischen und einmaligen Menschen kein Lebenszweck ist. Man ist ganz bei sich selbst, braucht keinen Meister mehr. Gerade deswegen sind sie für mich seither die wahren Meister des Lebens.

Es bleibt die Moral von der Geschicht’: Aus dem Schein wird Sein und ich schenke mir einen Ouzo ein.

Bild von Luis andres Espinoza auf Pixabay

© Wolfgang Lugmayr 2020-11-19

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