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#geborgenheit#zustandsveränderung

Wien … wie anders bist du (geworden)

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Wien … wie anders bist du (geworden) | story.one

Wien, du bist ist meine Geburtsstadt und vierundvierzig Jahre lang warst du Heimat für mich. Mein Leben findet nun "auf dem Lande" statt, doch bleibst du Teil von mir und ich von dir.

Du bist eine Stadt, die nicht so tiefe Wurzeln hat wie Kairo oder Rom, du wurdest ja erst etwas später geboren. Doch sind diese Wurzeln tief genug gewachsen, um eine eigene Identität zu entwickeln, auf der zum Beispiel dein oft zitiertes, goldenes Wienerherz und damit verbunden die leicht grantelnde und doch liebevolle Gastfreundschaft und Gemütlichkeit basieren, für die du so berühmt bist. Deine ganz spezielle Energie war immer ansteckend und viele Menschen fanden zu dir … Multi-Kulti, ganz natürlich, gemeinsam, innig verbunden.

Ich habe mich immer wieder gefreut, wenn ich dich nach meinen Reisen wiedersah. Ein knappes Jahr lang verschlug es mich nach München, doch auch von dort kehrte ich mit Freuden heim, kehrte dafür einer “Karriere” den Rücken. Es fehlten mir dein Herz und auch deine Seele. "Willst du eine lebendige Stadt, fahre nach Wien", ich habe - wo ich auch war - gerne von dir erzählt und Menschen animiert, dich zu besuchen und oft saß ich dann mit Gästen aus aller Welt an einem lauen Abend bei einem Glas Wien in einem der einmalig-wienerischen “Heurigen” unter einem Kastanienbaum. Musik lag in der Luft und ich hörte Sätze wie: "Das gibt es nirgendwo sonst!".

Heute kann ich nicht mehr von dir als "lebendiger Stadt" sprechen, denn dein Herz hat scheinbar aufgehört zu schlagen. Kehre ich zu dir zurück, blicken mir deine Bewohner nicht mehr in die Augen, sondern auf den Boden. Sie wirken ängstlich, niedergeschlagen, lassen die Schultern hängen. Das Morbide, das immer über der Stadt schwebte und einfach zum Lebensstil hier gehört, hat sich zu Boden gesenkt und drückt auf den Magen und die Lebensfreude.

"Ja, die Menschen haben es im Allgemeinen gerade schwer, machen wir es unseren Wienern doch noch schwerer", das scheint der Slogan Jener zu sein, die dich gerade regieren, in dieser "sozialen" Stadt.

Merke: das ist nur dann möglich, wenn das Herz nicht mehr an seinem Platz ist. Die Menschen, die hier leben, wurden von ihrer Identität getrennt, und ihnen damit das genommen, was dich, liebes Wien, ausmacht. Hier stehen wir nun, mitten in einer ja ... “Niemands-Stadt”.

„Die Weana Gemütlichkeit stirbt niemals aus“ - sang der Wiener Volkssänger und Wienerlied-Komponist Carl Lorens im 19. Jahrhundert. Dieser Satz steht nun auf dem Prüfstand, in dieser neuen Zeit.

Die Moral? Ja, es ist eine traurige Geschichte, doch auch so ist es im Leben. Es geht nur gemeinsam, verbunden, nicht abgetrennt und ich wünsche dir - mein liebes Wien - das Beste, auf deiner Rückkehr dorthin … an deinen Ursprung, zu deiner Identität.

Ich kann es erwarten, ich habe andere gemütliche Plätze unter Kastanienbäumen (Olivenbäumen, Eichen, Linden, ...) gefunden. Verbunden sind wir ohnehin.

Bild von mimikama auf Pixaba

© Wolfgang Lugmayr 2021-09-30

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