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Europa, Deutschland und Aufbackbrezel

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Europa, Deutschland und Aufbackbrezel | story.one

Schon den vierten BILLA besucht und meine Nerven sind kurz davor blank vor dem Tiefkühlregal aufzuliegen.

„Diese verdammten Mostschädel!“, entweicht meinen Lippen, als mir bewusst wird, dass meine geliebten Aufbackbrezeln aus dem Sortiment genommen worden waren. Auch die Suche in anderen Märkten war vergebens und die einzige Alternative, die mir jetzt bleibt, sind die 39 Cent Brezn, die manchmal ohne Salz und noch schlimmer, mit Sesam bestreut sind. SESAM!?

Es war vor 4 Jahren, bei meinem ersten Wiesenbesuch in München, als ich bei einer kleinen Backstube beim Viktualienmarkt in den Genuss einer Butter-Schnittlauch-Brezel kam. Es war Liebe auf den ersten Biss und es formte sich ein Snackritual. Ich denke da immer daran, dass ein mittelgroßer Supermarkt 10.500 Artikel führt, Kleinere so um die 3.000 bis 6.000. Kann man da nicht auf die 15te Backfischvariante verzichten und meine Brezeln im Regal lassen?

Das Verhalten der Konsumenten gibt halt das Sortiment vor und die Supermärkte suchen hier immer den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ist ja in der Politik nicht anders. Will man ein Gesetz umsetzen, müssen Kompromisse eingegangen werden, damit auch die anderen Fraktionen dafür stimmen und man es verabschieden kann.

Vor allem in der EU ist das die Arbeit, die am meisten Zeit einnimmt. Das und auf die Stimmen des Marktes, der Lobbyisten, zu hören. Leider hat gerade die Corona-Krise gezeigt, dass am Weg zur gemeinsamen Solidarität noch ein großer Weg vor uns liegt, weil einzelne Staaten einfach nicht auf ihre Butterbrezeln verzichten wollen, zufällig auch das Land, wo das Gebäck von einem in Ungnade gefallenen Bäcker erfunden wurde – Deutschland.

Habt ihr euch schon gefragt, warum Deutschland es mit seinen 80 Mio. Einwohnern auf Platz 3 der Exportnationen schafft? – Gleich nach den USA (350 Mio. Einwohner) und China (1,4 Mrd.). Ja, sie haben gute Technologie und starke KMUs, aber das Zauberwort heißt hier Euro. Der Euro ist – an den Kennzahlen gemessen – viel zu günstig für Deutschland, dadurch kann es billig ins Ausland exportieren, was knapp 47 % des gesamten BIPs ausmacht. Die Lohnkosten wurden seit 20 Jahren nicht wirklich an die Inflation angepasst und dank der EU kann Deutschland auch billig in die anderen EU-Staaten verkaufen.

Nun, die Zeichen stehen momentan auf Rezession und Deutschland wird seine Überproduktion nicht mehr so leicht ins Ausland bekommen. Gleichzeitig hat diese Politik anderen EU-Staaten – wie Italien, Spanien und Portugal – geschadet, da sich Industrien bei ihnen nie so stark entwickeln konnten, es war ja eh billiger in Deutschland. Jetzt stehen wir am Scheidepunkt, lenkt Deutschland ein und gesteht zu, dass die EU wichtiger als seine eigene Politik ist, oder zerbröckeln wir an der Sturheit? Ich habe mich damit abgefunden, dass das Wohl der Gewohnheiten der Mehrheit – oder besser gesagt der Umsatz nach Quadratmetern –, wichtiger als mein Snackritual sind.

Ich backe jetzt meine eigenen Brezeln.

© Zerdenker 2020-08-10

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